Editorial 

Der Prädikatsanwalt

Was ist das? Ich suche in den einschlägigen Rechtsvorschriften und finde nichts. Ich suche im Internet und werde fündig. Der Prädikatsanwalt ist ein Anwalt mit Prädikatsexamen. Da wir heute alles abkürzen oder zusammenfassen – und natürlich das Wort „Rechtsanwalt mit  Prädikatsexamen“ viel zu lang ist, fasst man dies zusammen und nennt ihn fortan einen „Prädikatsanwalt“. Zwar hat er das Prädikat nicht als Anwalt erworben (wozu auch, er hat ja schon eins?), aber es klingt doch recht hübsch. Da ich in Rheinland Pfalz vor vielen Jahren mein Examen gemacht habe und damals noch sehr spärlich mit Prädikaten verfahren wurde, darf ich stolz verkünden, dass ich ein Prädikats-/Prädikatsexamen habe, da beide Staatsexamina entsprechend bestanden wurden.  Rheinland Pfalz ist nicht Bayern, wo wir auch das „kleine Prädikat kennen“, gehöre ich damit zu dem erlauchten Kreis derer, die wohl ein großes Prädikat und das auch noch gleich zweimal haben. Das Landgericht Regensburg meint, dass man damit nicht werben dürfe. Zum Anwalt gehöre mehr als ein Prädikatsexamen. Doch wo gilt das nicht? Die Justiz stellt gerne Juristen mit Prädikatsexamen sein, warum wohl? Weil das Prädikatsexamen keinen Stellenwert hat und über die  zu erwartende berufliche Tätigkeit nichts aussagt?

Die Tatsache eines Prädikatsexamens –und dies kann ich als langjähriger Prüfer im II. Staatsexamen sagen- ist kein Produkt des Zufalls.  Für ein Prädikat muss hart gearbeitet werden. Man muss – wie für Mathematik und andere Fächer- auch die Befähigung mitbringen. Juristisches Denken ist ein streng logisches Denken. Juristerei erschöpft sich nicht im Auswendiglernen. Wer diese Befähigung hat, Jura aus Freude und nicht aus Verzweiflung, oder weil es die Eltern  eben mal so wollen, studiert, wird ein Prädikatsjurist. Auch wenn ihm dies die Berufskollegen neiden.

Ein Prädikatsexamen bedeutet , dass Sie es mit jemanden zu tun haben, der gewohnt ist, wissenschaftlich zu arbeiten,  analytisch zu denken .

Genau dies wird durch das Prädikat bestätigt. Gewissenhafte Kenntnisse des Rechts, aber auch die Gabe, Recht überzeugend anzuwenden, sind Dinge, die den guten Juristen auszeichnen. Warum soll er eine solche  Befähigung nicht verlautbaren dürfen, wenn auch mit der Kurzbezeichnung  „Prädikatsanwalt“? Klar, wir leben- wie wir es täglich sehen- von Masse; jener der sich aus der Masse abhebt, ist ohnehin suspekt. Weg mit dem Prädikatsanwalt, hin zur Masse. Wollen wir das wirklich?

Wenn man in Blogs lesen muss, Examensnoten seien ein Produkt des Zufalls, so ist dies  töricht und schlichter Unsinn und der untaugliche  Versuche, mittelmäßige oder gar schlechte Leistungen zu kaschieren. Jeder der Examen macht, durchläuft eine Reihe von Prüfungen, schließt man die Klausuren, die man im Studium und der Referendarzeit schreibt, mit ein. Diese Gesamtleistungen  ergeben im Regelfall ein aussagekräftiges Bild über den Kenntnis- und Wissensstand des angehenden Juristen. Jene, die nur mittelmäßige oder unterdurchschnittliche Leistungen gezeigt haben, werden nie in der Lage sein, per „Zufall“ ein Prädikat zu erlangen.

Ich freue mich, ein Rechtsanwalt mit zwei Prädikatsexamina sein zu dürfen, ob ich mich nun „Prädikatsanwalt“ oder „Dorfanwalt“ nenne, weil ich nun einmal in einer kleinen Stadt den von mir sehr geliebten Beruf ausübe.

Auch wenn ich noch viel zu diesem Thema schreiben könnte, ziehe ich es vor, ein Gläschen Wein von einem Prädikatsweingut zu trinken, dazu gibt es eine vielfach ausgezeichnete Prädikatsfleischwurst von einem Prädikatsmetzger und ich erinnere mich an Waldi, einen Prädikatsdackel mit zahlreichen Auszeichnungen.

Hoch lebe das Prädikat! 

Volker C . Karwatzki

Rechtsanwalt (mit zwei Prädikatsexamina)

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